Aktuelle Forschungsprojekte

Syntaktischer Strukturabbau

Projekttitel:Syntaktischer Strukturabbau. Ein neuer Zugang zu konfligierenden Repräsentationen
Antragsteller:Gereon Müller
Drittmittelgeber:DFG (Reinhart-Koselleck-Projekte)
gefördert seit:2016
Webseite:http://home.uni-leipzig.de/muellerg/removal/

Systeme, die über strukturaufbauende Operationen verfügen, weisen üblicherweise auch komplementäre strukturabbauende Operationen auf Das mlnimalistische Programm (Chomsky (2001; 2013)) ist wesentlich durch eine strukturaufbauende Operation gekennzeichnet, die sowohl für die inkrementelle Generierung syntaktischer Repräsentationen verantwortlich ist, als auch für die Modellierung von Bewegung, nämlich Merge. Das vorliegende Projekt verfolgt die Hypothese, dass eine komplementäre strukturabbauende Operation Remove nicht nur aus konzeptuellen Gründen erwartbar ist, sondern direkt durch die empirische Evidenz gestützt wird und einen ganz neuen Blick ermöglicht auf eine Reihe von bislang in minimalistischen Analysen vernachlässigten bzw. nicht zufriedenstellend analysierten Phänomenen. Konkret geht es um empirische Bereiche, die die Annahme konfligierender syntaktischer Repräsentationen nahegelegen: (i) Diathesen (z.B. Passiv. Antipassiv), (ii) Tilgungsoperationen (z.B. Sluicing), (iii) Reanalyseprozesse (z.B. Restrukturlerung, Bewegungsasymmetrien) und (iv) Oszillationseffekte (z.B. NP vs. DP).Unter der Annahme, dass Merge und Remove denselben Beschränkungen unterliegen (insbesondere dem Strikten Zyklus), ergibt sich die Vorhersage kurzer Lebensspannen des von Strukturabbau betroffenen Materials. Diese Effekte werden in den empirischen Untersuchungen eine zentrale Rolle einnehmen. Die Studien sind dabei einerseits bzgl. grammatischer Phänomene sprachvergleichend angelegt. Andererseits soll Strukturabbau auch für die Grammatik einer Einzelsprache (des Deutschen) insgesamt im Detail erforscht werden, inkl. erstmaliger Erstellung eines umfassenden minimalistischen Fragments.

Anaphorik vs. Kongruenz

Projekttitel:Anaphorik vs. Kongruenz: eine Untersuchung des "Anaphor Agreement Effect"
Antragsteller:Sandhya Sundaresan & Hedde Zeijlstra
Drittmittelgeber:DFG
gefördert seit:2015
Webseite:http://research.uni-leipzig.de/anagreeffect/

Der "Anaphor Agreement Effect" (AAE) beschreibt eine Beobachtung, ursprünglich von Rizzi (1990), dass keine Sprache bekannt ist, in der Anaphern (d.h. Ausdrücke wie z.B. 'sich', die zwingend von einem Antezedens im selben Satz oder Teilsatz gebunden werden müssen) fähig sind, reguläre Kongruenz für grammatische Person, Numerus oder Genus am finiten Verb auszulösen. Einfach ausgedrückt heißt das, dass eine Anapher nie als Quelle für gewöhnliche verbale Kongruenz dienen kann. In einer Sprache, die Objektkongruenz aufweist, kann zum Beispiel das Verb in einem Satz wie "wir mögen uns" nie Objektkongruenzmarkierung für die 1. Person Plural tragen. Es ist bisher unklar, ob der AAE ein universelles Verbot natürlicher Sprache darstellt oder eher nur eine starke Tendenz unter den einzelnen Sprachen wiederspiegelt. Auch nicht klar ist der genaue Umfang der aufgewiesenen Variation der Strategien, eine Verletzung der AAE zu vermeiden. Hierin unterscheiden sich die Sprachen. Zum Beispiel, in einigen Sprachen (wie Albanisch) nimmt die Kongruenz eine Defaultform an, wenn sie von einer Anapher gesteuert ist (3. Person Singular statt 1. Person Plural bei einer Anapher der 1. Person Plural); in anderen Sprachen (wie Inuit) muss die Anapher mit einem außergewöhnlichen, kongruenzblockierenden Kasus erscheinen, z.B. Dativ, wenn sie an einer kongruenzauslösenden Stelle steht; andere Sprachen haben besondere Kongruenzformen, die bei Anaphern auftauchen und so gewöhnliche Kongruenz blockieren. Dieses Projekt, die erste großangelegte Untersuchung des AAE, zielt darauf, diese Unklarheiten aufzuklären, indem einerseits die Universalität des AAE und der Umfang der Variation in den Strategien, eine Verletzung zu vermeiden, empirisch erforscht werden, und andererseits eine theoretische Erklärung des AAE und seiner sprachübergreifenden Erscheinungen geschaffen wird. Zwei von den Antragstellern betreute DoktorandInnen, eine in Leipzig und eine in Göttingen, werden gründliche typologische Studien zu diversen Sprachen ausführen, um den AAE in seiner vollen Breite zu untersuchen. Diese Forschung wird nicht nur eine vollständigere Erklärung des AAE ergeben, sondern auch ein besseres Verständnis vom Wesen der anaphorischen Bindung und der verbalen Kongruenz im Allgemeinen liefern. Insbesondere kann die seit Langem bestehende Frage, ob die anaphorische Bindung eine Art von morphosyntaktischer Kongruenz darstellt (indem die Merkmale für Person, Numerus und Genus der Anapher mit denen ihres Antezendens übereinstimmen müssen), von diesem Projekt endlich angegangen werden durch eine direkte Untersuchung der Interaktion zwischen anaphorischer Bindung und verbaler Kongruenz. 

Open-Access-Publikation verlinkter Wörterbücher

Projekttitel:Open-Access-Publikation verlinkter Wörterbücher für den weltweiten Sprachgebrauch
Antragsteller:Martin Haspelmath, Ulrike Mosel & Barbara Stiebels
Drittmittelgeber:DFG
gefördert seit:09/2015
Webseite:https://home.uni-leipzig.de/dictionaryjournal/

Geplant ist die Etablierung einer elektronischen Zeitschrift (mit Open Access), die Wörterbücher kleinerer Sprachen im Datenbank-Format veröffentlicht. Die Sammlung von Wörtern aus so vielen Sprachen wie möglich ist eine wichtige Aufgabe der vergleichenden Sprachwissenschaft, aber gegenwärtig ist es nicht möglich, Wörterbuchdaten zu kleinen Sprachen in adäquater Weise zu publizieren. Die existierenden Online-Wörterbücher sind keine regulär begutachteten Publikationen und garantieren weder hohe Qualität, noch tragen sie zum Career-Building bei. Sie werden oft außerhalb eines stabilen institutionellen Kontextes bereitgestellt und haben normalerweise eine Struktur von einfachen HTML-Seiten, die das Format von Printwörterbüchern nachahmt, anstatt die Möglichkeiten elektronischer Publikation auszuschöpfen (Datenbankveröffentlichung mit den Prinzipien des Linked-Data-Ansatzes). Die technischen Voraussetzungen für Datenbankveröffentlichungen existieren bereits an unseren Institutionen (einschließlich einer Garantie des Betriebs auch in fernerer Zukunft). Durch den enormen Erfolg verschiedener Sprachdokumentationsprogramme haben viele Linguisten Wörterbücher verfasst, die sie sehr gerne veröffentlichen würden, aber aufgrund fehlender Optionen nicht sinnvoll veröffentlichen können.

Merkmalsaffigierung

Projekttitel:Merkmalsaffigierung: Die Morphologie phonologischer Merkmale
Antragsteller:Jochen Trommer
Drittmittelgeber:DFG
gefördert seit:2013
Webseite:http://research.uni-leipzig.de/featuralaffixes/index.html

Merkmalsaffixe sind Affixe, die morphosyntaktische Kategorien durch das Hinzufügen phonologischer Merkmale zu einem Ausgangswort ausdrücken werden (z.B. im Plural von Bruder, Brüder, wo die Plural-Flexion ausschließlich aus einer Modifikation des Vokals, d.h. der Affigierung des phonologischen Merkmals [-hinten] an den betonten Vokal, besteht). Obwohl Merkmalsaffixe zu den häufigsten und verbreitetesten Typen von Affigierung in den Sprachen der Welt gehören, ist unser theoretisches Verständnis von Merkmalsaffigierung durch zwei grundlegende Probleme beschränkt: (i) Die systematische Forschung zu Merkmalsaffixen hat sich fast ausschliesslich auf ihre phonologische Eigenschaften beschränkt, d.h. wir wissen wenig über Merkmalsaffixe als morphologische Objekte, und (ii) die empirische Grundlage für die Forschung zu Merkmalsaffixen beruht auf einer extrem kleinen Stichprobe von Sprachen und stützt sich in wesentlichen Aspekten auf empirisch problematische Daten. Dieses Projekt adressiert beide Probleme auf der Grundlage einer detaillierten empirischen und theoretischen Untersuchung zur Morphologie von Merkmalsaffixen in vier zentralen morphologischen Bereichen: Linearisierung, Allomorphie, Kookkurrenz und Synkretismus in den Sprachen der Welt. Diese empirischen Bereiche stehen im Zentrum intensiver aktueller empirischer und theoretischer Forschung auf der Basis segmentaler Affigierung, aber sind, was Merkmalsaffixe angeht, bisher kaum beachtet worden. Merkmalsaffigierung als einer der segment-artigsten Typen nichtkonkatenativer Morphologie ist dadurch ein idealer Phänomenbereich für die empirische Überprüfung zentraler Grundannahmen der theoretischen Morphologie. Im Detail verfolgen wir die folgenden Ziele: (i) die Schaffung einer breiten typologischen Datenbasis für Merkmalsaffixe, um systematische Muster ihrer Verteilung zu erfassen (ii) die Generalisierung deskriptiver und theoretischer Kategorien aus dem Bereich segmentaler Affigierung auf Merkmalsaffixe, (iii) die Überprüfung von theoretischen Hypothesen, die aufgrund segmentaler Affigierungsdaten entwickelt worden sind anhand von Merkmalsaffixen, und (iv) die theoretische Integration von Merkmalsaffigierung in einen restriktiven Grammatikformalismus. Insgesamt verspricht die detaillierte Untersuchung von Merkmalsaffixen eine substantielle Vertiefung unseres theoretischen Verständnisses von generellen Prinzipien morphologischer Affigierung über segmentale Affixe hinaus, aber auch, da Merkmalsaffixe in grundlegenderer Weise mit der phonologischen Struktur von Basiswörtern interagieren als segmentale Affixe, für den potentiellen Zugriff phonologischer Prozesse auf morphologische Struktur und die Interaktion von Modulen in der Gesamtarchitektur der Grammatik.

letzte Änderung: 08.02.2018